10 Aug 2026 • 4 min read
Brauchen wir Gott überhaupt?
Wenn sich das Geschöpf für klüger als der Schöpfer hält
Stefano

Unterdrückung, Ablasshandel, Scheiterhaufen – traurige Tiefpunkte in der Kirchengeschichte. Und die Liste könnte man noch problemlos fortführen. Im Mittelalter hat die Kirche ihre Macht dermaßen ausgenutzt, dass die Menschen schrecklich enttäuscht waren. Versuchen wir uns mal in den Durchschnittsbürger damaliger Zeit hineinzuversetzen. Der dachte sich: „Niemals wieder ausnutzen lassen! Schluss damit! Niemand wird mir jemals wieder vorgeben, wie ich die Welt zu sehen habe. Ab jetzt wird alles anders!“ Dieser Eifer hat ganz schön was ins Rollen gebracht. Ganz grob gesehen, sind zwei Denkrichtungen entstanden, die zu kennen sehr wichtig ist, denn sie beeinflussen uns bis heute.
Du hast vielleicht schon mal von René Descartes gehört. Er hat im 17. Jahrhundert gelebt und von ihm kommt der gern zitierte Satz „Cogito ergo sum“, was übersetzt heißt: „Ich denke, also bin ich“. Keine Sorge, wir wollen hier nicht krass philosophisch werden. Aber das Grundprinzip dieses Gedankens ist schon interessant: Der Mensch stellt fest, dass nach allem Nachdenken und Hinterfragen nur sein Zweifeln übrig bleibt. Er merkt, dass allein sein Denken seine Existenz bestimmt. Und jetzt, von seiner menschlichen Vernunft als Fundament ausgehend, versucht er, Erkenntnis zu gewinnen, also die Wahrheit zu ergründen. Daraus hat sich der sogenannte Rationalismus entwickelt. Auch Immanuel Kant ist in diese Zeitepoche einzuordnen. Er hat quasi den Grundsatz der Aufklärung geprägt: „Die Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Klingt zu abgefahren? Nochmal kurz zusammengefasst: Der Mensch soll sich nichts, aber auch gar nichts mehr von außen vorgeben lassen. Der eigene Verstand kann (und soll!) Erkenntnis aufbauen. Von ihm ausgehend sollen die großen Fragen der Menschheit geklärt werden. Der menschliche Verstand wird zum entscheidenden Prüfstein für alles.
Du denkst, das klingt vielversprechend? Das dachten die Menschen damals auch! Man war sehr optimistisch, dass diese neue Herangehensweise den Durchbruch bringen würde. 500 Jahre später ziehen wir nun mal Bilanz: Wo sind wir gelandet? Natürlich, der menschliche Verstand ist genial! Man denke an die technischen Fortschritte der letzten Jahrhunderte, an all die Errungenschaften in den Naturwissenschaften … Das ist schon gewaltig! Aber seien wir ehrlich: Haben wir es geschafft, von unserem Verstand ausgehend das eine Weltbild zu finden, das die großen Fragen der Menschheit beantwortet? Tatsächlich war die Menschheit wohl selten so orientierungslos wie heutzutage. Statt seinen Verstand weiter zu bemühen, hat man sich weitestgehend damit abgefunden, dass es wohl eben einfach keine Wahrheit gibt, die sich ergründen lässt. Man lässt sich lieber durch sein „Gefühl“ leiten, das einem sagt, was richtig und falsch ist. Die traurige Konsequenz davon ist, dass wir moralisch eindeutig den Rückwärtsgang eingelegt haben.
Bevor wir uns zu sehr von diesem Verstandes-Flop runterziehen lassen, wollen wir noch die zweite große Denkrichtung betrachten, die sich damals entwickelt hat. Eine ganz wichtige Figur in diesem Zusammenhang ist Martin Luther. Der pfiffige Wahl-Augustinermönch dachte sich, dass es nicht klug sei, ein Konzept komplett zu verwerfen, nur weil es von Menschen missbraucht worden war. Daher suchte Luther Gott in der Bibel. Und er fand ihn! Dass wir durch Glauben an den Herrn Jesus vor Gott gerecht werden, erkannte er durch den Heiligen Geist im Römerbrief. Luther verteidigte den Grundsatz, dass Gott uns Erkenntnis der Wahrheit durch die Offenbarung in seinem niedergeschriebenen Wort schenkt. Dieses Sola-Scriptura-Prinzip (lateinisch für „allein durch die Schrift“) wurde ein zentraler Gedanke der sogenannten Reformation. Deswegen übersetzte Luther auch die Bibel für das ganze Volk, damit alle Menschen lesen konnten, was Gott uns zu sagen hat. Dabei wollte man sich immer unter die Schrift stellen und damit ihre Überlegenheit gegenüber unserem fehlbaren Verstand anerkennen. Sie wurde von vorne bis hinten als wahr angenommen, inklusive der Passagen, die der menschliche Verstand zunächst nicht fassen kann. Das war der große Unterschied zu Rationalisten wie Kant, die die Bibel durchaus schätzten, sich jedoch stets über die Schrift stellten und beurteilten, was sie lasen, anstatt sich selbst beurteilen zu lassen.
Was sagt uns das Ganze jetzt für unsere heutige Zeit? Wir Menschen haben uns im Wesen nicht verändert. Wir möchten gerne alles selbst in der Hand haben und uns nichts vorgeben lassen. Aber tatsächlich geht es doch um mehr, ja letztlich um alles: die Erkenntnis der Wahrheit! Hand aufs Herz: Eine unbequeme Wahrheit ist einer bequemen Lüge doch vorzuziehen, oder? Niemand möchte eine Lüge leben. Deswegen müssen wir die Wahrheit als solche erkennen. Und ob wir dafür unseren Verstand oder die Bibel als Quelle und Messinstrument benutzen, ist in erster Linie eines: eine Glaubensentscheidung!
„Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang, und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand.“ Sprüche 9,10
„[…] uns aber hat Gott es offenbart durch seinen Geist, denn der Geist erforscht alles, auch die Tiefen Gottes.“ 1. Korinther 2,10
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